Die Grazing Essstörung

Mit der Grazing Essstörung beschreibt man ein zwanghaftes Daueressen über den ganzen Tag. Man spricht von Grazing (Grasen) und Nibling (Knabbern), was sich aus den Verhaltensweisen aus dem Tierreich ableitet. In der Natur müssen Grasfresser und Nagetiere oft stundenlang grasen oder knabbern, um ihren Energiebedarf zu decken. Beim Menschen ist ein ständiges zwanghaftes Essen jedoch ungesund.

In den folgenden Abschnitten nun einige detaillierte Informationen zu diesem speziellen Essverhalten.


Was ist die Grazing Essstörung?


Grazing Essstörung
Grasen wie die Tiere - die Grazing Essstörung (Quelle: RoyBuri / Pixabay / CC0 Creative Commons)

Der Begriff Grazing Essstörung findet allmählich im deutschen Sprachgebrauch immer häufiger Verwendung. Gut belesene Ärzte mit Hauptaugenmerk auf Übergewicht kennen bereits den übergeordneten Begriff Binge Eating, der Symptome wie Fressanfälle, nächtliche Fressattacken am Kühlschrank und unkontrolliertes Essverhalten umfasst.

Grazing ist eine spezielle Kategorie, die sich unterhalb der Binge Eating Störung formiert. Hierbei geht es nicht um plötzliche Essanfälle, sondern um ein Daueressen über den Tag. Eine amerikanische Definition dieser Essstörung beschreibt Grazing als "unstrukturierter, sich wiederholender Verzehr kleinerer Essensmengen".

Eine andere Definition ist "Adipositas mit Verlust der Impulskontrolle", was die enge Verwandschaft zu Binge Eating untermauert. Denn beim Binge Eating ist ebenfalls der Kontrollverlust ein wichtiges Augenmerk.

Zwanghaftes Essen ist der kleinste gemeinsame Nenner der Binge-Eating-Störungen. Was Grazing als Essstörung besonders macht, ist dabei unkontrollierte Nahrungsaufnahme in geringen Mengen über längere Zeiträume. Man könnte dies auch als Dauersnacken bezeichnen, denn große Mahlzeiten kommen hier eher nicht vor, dafür schnelle, einfache Snacks.


Typische Ernährung bei Grazing



Zwanghaftes Daueressen setzt voraus, dass immer wieder Nachschub per Griff in eine Snacktüte oder ein Glas vorhanden ist, ohne dass zwischendurch eine besondere Zubereitung der Nahrung notwendig ist. Eine typische Ernährung bei der Grazing Essstörung ist daher der Verzehr von Snacks wie Salzstangen, Popcorn, Chips, Nachos und anderen fertig verpackten Kleinigkeiten.

Es ist sicher anzunehmen, dass Grazing oder Nibling bei einer eher passiven, wenig bewussten Lebensweise in der Häufigkeit zunimmt. Wir alle kennen die Situation, wie man nahezu im Autopilot-Modus einen Film ansieht und dabei immer mal wieder in eine Tüte mit Popcorn oder Chips greift, während man gebannt auf den Bildschirm starrt. Ein Grazer oder Nibler befindet sich in einem Dauerzustand dieses Dauerknabberns. Es ist daher gut möglich, dass er den ganzen Tag mit Tätigkeiten beschäftigt ist, die es erlauben, nebenbei Snacks aufzunehmen, vor allem Fernsehen und Aktivitäten am Computer.


Was tun bei Grazing?



Die Grazing Essstörung ist noch relativ neu und unerforscht. Zu den Ursachen kann man aber relativ leicht Theorien aufstellen. Auf der einen Seite kann Langeweile einen Faktor darstellen, auf der anderen Seite Routine. Auch ein gewisses Maß an Tristesse und fehlenden Ideen, wie der Alltag gestaltet werden könnte, kann eine Rolle spielen, und möglicherweise ist Grazing damit eine Vorstufe oder eines der Symptome von Depressionen, zumindest bei Menschen, die möglicherweise bereits übergewichtig sind, sich wenig bewegen und negative Emotionen mit Daueressen überlagern.

Eine spezielle Therapie für Grazing dürfte sich erst im Laufe der nächsten Jahrzehnte herauskristallisieren, wenn Grazing sich von einer Subkategorie des Binge Eating möglicherweise zu einem eigenständigen Krankheitsbild "weiterentwickelt". Aktuell wird das Grazing und Nibling noch als eine "nicht näher bezeichnete Essstörung" durch das Universitätsklinikum Heidelberg beschrieben, was den Charakter des Unerforschten verstetigt.

In den modernen Industrienationen mit einem Überangebot an Fastfood und passiver Unterhaltung ist es sicherlich absehbar, dass diese Störung weiter auf dem Vormarsch sein wird.

Eine mögliche Abhilfe kann die Rückkehr zu einem bewussteren, aktiveren Leben sein. Nicht nur elektronische Unterhaltung in Form von Filmen und Videospielen sollte kritisch betrachtet werden, auch das ständige "Status-Überprüfen" in den sozialen Medien und der rein digitale Kontakt zu anderen Menschen gehört auf den Prüfstand.

Dabei ist es sinnvoll, sich auf Aktivitäten zu konzentrieren, die:


  • volle Aufmerksamkeit erfordern
  • Körpereinsatz erfordern
  • zeitweise draußen stattfinden
  • mitunter soziale Kontakte erfordern


Nicht alle diese Kriterien müssen gleichzeitig erfüllt sein. Wer sich künstlerisch betätigt, wird hoffentlich nicht nebenbei ständig Schokoriegel essen, und selbst wenn man am Computer Musik aufnimmt, muss das nicht bedeuten, dass man sich einer Grazing Essstörung hingibt, da manche Tätigkeiten am Computer viel Konzentration und Einsatz erfordern.

Neben einer Korrektur bei den eigenen Hobbys und Aktivitäten ist auch ein Blick auf die Ernährungsgewohnheiten sinnvoll. Damit man zwanghaftes Essverhalten vermeiden kann, sollte eine gesunde Grundeinstellung zur Ernährung vorhanden sein. Sogar das Kochen selbst ist eine Form der aktiven Beschäftigung, die Denken, Handeln und Aufmerksamkeit erfordert. Zusätzlich dazu ist das Endergebnis eine ordentliche Mahlzeit, kein Fingerfood in unbegrenztem Maße zum Dauerverzehr.

Als abschließendes Fazit lässt sich sagen, dass die Grazing Essstörung nicht allein auf falschem Essverhalten fußt, sondern soziale Aspekte und Faktoren in der allgemeinen Lebensgestaltung eine Rolle spielen dürften. Wenn zwanghaftes Daueressen zum Ersatz für ein erfülltes Leben wird, muss man den Blick ausweiten auf alle Bereiche des Lebens. Insofern ist Grazing in den meisten Fällen eher als Symptom eines größeren Problems zu sehen.

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