Steinzeitdiät: Unsinn Oder Sinnvoll?

Die Steinzeitdiät gehört zu den Ernährungsweisen, die häufig unter Beschuss stehen und lächerlich gemacht werden. In der Regel beginnen Artikel damit, dass man ein Muster-Foto von einem Mann zeigt, der wie besessen in ein rohes Stück Fleisch beißt.

Dann wird darauf hingewiesen, dass es die eine Steinzeiternährung gar nicht gegeben haben kann, und zu guter Letzt dürfen dann noch Wissenschaftler zu Wort kommen, die angeblich gesundheitliche Vorteile der Steinzeitdiät nicht feststellen können oder bemängeln, die Diät sei nicht "der sesshaften Lebensweise des modernen Menschen angepasst". Wie bitte?!

Ist die Steinzeitdiät Quatsch? Alles nur purer Unsinn, ausgedacht von ein paar Irren? Oder ist diese Diät sogar sinnvoll? Ich möchte darauf eingehen. Wichtig dabei ist mir jedoch, den Unterschied zwischen verschiedenen Arten der Steinzeitdiät aufzuzeigen. Denn auch da gibt es nicht nur die eine Steinzeiternährung.


Definition - Was ist die Steinzeitdiät?


Steinzeitdiät Kritik
Image courtesy of worradmu / freedigitalphotos.net

Die einfachste Definition, die alles auf einen Nenner bringt, ist diese: Die Steinzeiternährung, auch Paleo-Diät oder Paläo-Diät genannt, orientiert sich an der vermuteten Ernährung der Menschen in der Altsteinzeit.

Dabei ist der Zeitraum vor Beginn von Viehzucht und Ackerbau gemeint, als es noch keine Massenproduktion von Weizenprodukten und Milch gab.

An dieser Stelle enden bereits die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Lebensweisen der Steinzeiternährung. Denn ab hier teilen sich die Anhänger in verschiedene Lager auf. Ich möchte das kurz erläutern.


Verschiedene Ansätze der Steinzeitdiät



Die Kritik an der Steinzeitdiät basiert oft darauf, es habe ja gar nicht eine einheitliche Ernährungsweise in der Steinzeit gegeben. Genau so ist es jedoch auch falsch, alle Paleo-Anhänger über einen Kamm zu scheren. Es lohnt sich die Unterscheidung in folgende Bereiche:


Steinzeitdiät nach Nährstoffen



Man könnte an dieser Stelle alle Low-Carb-Diäten aufführen, die ihr Dasein mit genetisch korrekter Ernährung rechtfertigen. Die Befürworter dieser Ernährungsweise stellen nicht in den Vordergrund, was es in der Steinzeit für Lebensmittel gab und welche nicht, und auch die Zubereitungsweise (Steinofen oder Elektroherd) ist ihnen egal.

Es geht vielmehr um die Zusammensetzung der Nährstoffe. Da es in der Steinzeit noch keine Nudeln und keine Massenproduktion von Mehl gab, aßen die Menschen insgesamt deutlich weniger Kohlenhydrate und Zucker. Es gab zwar Früchte, die waren aber meistens nicht so süß und hochgezüchtet wie in den heutigen Supermärkten. Fleisch und Fisch standen häufiger auf dem Programm.

Die genetisch Korrekten versuchen nun, dieses Prinzip nachzuahmen. Sie gehen dabei jedoch nicht dogmatisch nach der Verfügbarkeit der Lebensmittel in der Steinzeit vor. Es ist also beispielsweise in Ordnung, Eiweißpulver zu konsumieren, wenn dieses wenige Kohlenhydrate hat, da auf Basis von Nährstoffen dasselbe erreicht wird, als würde man Fleisch essen - Proteinzufuhr. Auch Fischöl ist in Ordnung, wenn man keine Omega-3-Bomben wie Hirsch oder Robben zur Verfügung hat.

Und Nudeln werden eben nicht abgelehnt, weil es in der Steinzeit keine Spaghetti gab, sondern weil es keine oder kaum Lebensmittel gab, die zu 50 bis 80 Prozent aus Kohlenhydraten bestanden und in solchen Mengen verzehrt wurden, wie heute Pasta auf dem Teller. Low-Carb-Nudeln jedoch sind in gewissen Mengen akzeptabel. Auch Nahrungsergänzungsmittel wie Multivitaminpräparate sind in Ordnung, da sie die erhöhte Vitalstoffzufuhr in der Steinzeit nachahmen.


Steinzeitdiät nach Lebensmitteln



Diese Diät ist die am weitesten verbreitete, wenn man an Steinzeiternährung und Paleo-Diät denkt. Hier geht es weniger um die Nährstoffe, sondern tatsächlich um die Lebensmittel. Strenge Verfechter dieser Philosophie lehnen also alles ab, was es in der Steinzeit noch nicht gab. Dazu gehören dann auch praktische Lebensmittel wie Eiweißpulver oder bestimmte Fertigprodukte. Mitunter wird sogar auf Öl zum Braten verzichtet.

Einer der Vorteile dieser Lebensweise ist, dass viele Menschen davon berichten, weniger Lebensmittelunverträglichkeiten zu erleiden. Beispielsweise werden die Beschwerden von Laktoseintoleranz und Glutenunverträglichkeit gemindert.

Was jedoch passieren kann, ist, dass diese Paläo-Freunde sich selbst austricksen, indem sie im Supermarkt das kaufen, was streng genommen und dem Namen nach existierte, aber nicht in solchen Mengen. So kann es sein, dass Kartoffeln, Ananas und Mangos jeden Tag auf den Tisch kommen.

Zwar gab es diese Lebensmittel auch früher schon (mancherorts), allerdings musste man die Kartoffeln in mühsamer, schweißtreibender Handarbeit selbst aus dem Boden pflücken und verbrannte dadurch die enthaltenen Kohlenhydrate täglich neu, und wilde Früchte sind in der Natur meist nicht so prall und saftig wie im Supermarkt, mal abgesehen davon, dass man sicherlich auch hier große Wegstrecken zurücklegen musste und körperlich aktiv sein musste, um sie in der Steinzeit zu bekommen.


Fanatiker-Steinzeitdiät



Dann gibt es noch die Fundamentalisten unter den Paleo-Anhängern. Diese Menschen sind äußerst konsequent. Sie leben die Steinzeiternährung bis ins Detail. Das bedeutet: Komplette Selbstversorgung. Keine Supermärkte, die einem die Arbeit abnehmen. Lebensmittel müssen selbst gejagt, in der Wildnis gepflückt oder im Kleingarten angebaut werden.

Auch der Verzehr "ekliger" Lebensmittel wie Maden und Insekten gehört dazu, denn der Steinzeitmensch musste nehmen, was er kriegen konnte, und war bestimmt nicht wählerisch.

Was man den Fanatikern zu Gute halten muss, ist, dass sie das leben, wofür sie stehen. Eine häufige Kritik an der Steinzeitdiät besteht nämlich darin, dass überall auf der Welt Naturvölker gesund leben, obwohl sie sich angeblich nicht genetisch korrekt ernähren. Manche essen nämlich tatsächlich sehr kohlenhydratreich, weil es entsprechende Pflanzen gibt, die man dort anbauen kann.

Doch der entscheidende Unterschied ist, dass diese Menschen arbeiten müssen, und zwar schwer. Körperliche Anstrengungen müssen sie vollbringen. Da verbrennt man dann auch mal Kohlenhydrate und hat deshalb keinen Krebs.

 Die meisten Menschen werden sich schwer tun, ihr komplettes Leben aufzugeben und zum Selbstversorger zu werden.


Ist die Steinzeitdiät Unsinn?



Viele Menschen, vor allem aber die Medien, machen sich gerne über Steinzeiternährung lustig. Man assoziiert diese Lebensweise schnell mit primitiven Menschen, die in Lederfetzen gekleidet herumlaufen, Mammuts erlegen und barbarische Kriege führen.

Ich will an einem konkreten Beispiel erläutern, wie die Steinzeitdiät Kritik einstecken muss und diskreditiert wird, und warum ich das alles anders sehe. Betrachten wir folgenden Artikel: Warum die Steinzeitdiät nicht funktioniert.

Allein die Überschrift suggeriert schon, dass die Diät nicht klappt. Diese Behauptung beinhaltet, dass man damit entweder nicht abnehmen oder nicht gesund leben kann. Wie sich aber herausstellt, werden diese Behauptungen am Ende gar nicht weiter verfolgt!

Ein großes Argument ist dabei die Aussage, man könne doch gar nicht wissen, wie sich die Menschen in der Steinzeit ernährt hätten. Dabei fällt ein schicksalhafter Satz:

"Folgt man den populärwissenschaftlichen Ausführungen zur Beschaffenheit der altsteinzeitlichen Ernährungsweise, so gewinnt man den Eindruck, die jeweiligen Autoren seien damals dabei gewesen".

Wenn man diese Argumentation ernst nimmt, dann müssen wir uns von vielen Dingen verabschieden: Evolutionstheorie, Urknall, Entstehung der Erde, Dinosaurier, Neanderthaler und so weiter. Was nützen uns Fossile und Genforschung? Wir waren ja nicht dabei!

Weiter geht die Kritik an der Steinzeitdiät damit, dass es schwer sei, für einen Zeitraum von "2,6 Millionen Jahren" (bei denen wir aber nicht dabei waren) eine typische Ernährung festzustellen. Meine Anmerkung dazu: Ja, das stimmt, aber wenn wir uns diese lange Zeitspanne überlegen und ein bisschen gesunden Menschenverstand anwenden, dann können wir schnell erraten, dass wir die kürzeste Zeit davon Nudeln, Brot und Pommes gegessen haben, noch dazu ohne uns zu bewegen!

Danach geht die Kritik in die Richtung, dass der Mensch ja anpassungsfähig sei und die Welt "zu seinem Vorteil" umgestalten kann, was vor allem in den letzten 10.000 Jahren passiert sei. Nochmals zur Info: Hier werden die letzten 10.000 Jahre mit den vorigen 2,6 Millionen Jahren verglichen. So schnell verändern sich Gene nicht.

Dann kommt das Argument mit der Lebenserwartung. Ja, natürlich leben die Menschen heute länger. Wir haben ja einen technischen Fortschritt erreicht, der uns das ermöglicht. Wir müssen auch nicht mehr jagen, uns in Lebensgefahr begeben, sondern können zu Hause - warm und gemütlich - vor dem Fernseher sitzen. Und wenn es mit der Gesundheit bergab geht, gibt's eine Herz-OP. So einfach ist das. Aber könnten wir nicht gesünder leben?

Hinzu kommt dann noch dieses etwas polemische "wenn das und das wahr wäre, wären sämtliche Landstriche entvölkert oder ausgestorben". Ich hasse diese Formulierung, weil sie behauptet, es gäbe nur volle Gesundheit oder Aussterben. Viele Deutsche rauchen, leben ungesund, bekommen Krebs, und vermehren sich trotzdem weiter. Niemand behauptet das Gegenteil!

Und dann kommt mein Lieblingsargument. Das mit den Ausnahmen. Es gäbe doch Völker, die zum Beispiel zu 60 bis 90 Prozent von Zeburindmilch leben würden. Die hätten weniger Krebs. Ich bin kein Experte, was solche Völker angeht, aber ich erlaube mir mal die Vermutung, dass diese Völker nicht den ganzen Tag auf dem Sofa liegen. Klar haben die keinen Krebs. Die bewegen sich! Der Zusammenhang ist ein anderer.

Damit endet die Argumentation und die Kritik. Was war jetzt nochmal mit der Überschrift? Die Steinzeitdiät funktioniert nicht? Wer hat das denn behauptet? Im gesamten Artikel äußert sich niemand über den Gesundheitszustand von Paleo-Anhängern oder deren Gewichtsverlust.

Mein Fazit: Unsinn ist die Steinzeitdiät nicht. Ich glaube vielmehr, dass gerade die Gegner der Steinzeiternährung von "falschen Voraussetzungen" ausgehen, indem sie vergessen, dass der Mensch so oder so nicht an das Ansammeln von großen Kohlenhydratmengen im Körper gewöhnt ist - sei es durch Ernährung oder durch körperliche Bewegung.


Vorteile und Nachteile der Steinzeitdiät



Natürlich sollte man überlegen, welche Vorteile und Nachteile eine Diät mit sich bringt. Deswegen hier ein Überblick, der aus meiner Sicht das Pro und Contra für diese Ernährungsweise verdeutlicht.


Vorteile und Stärken




  • Die Steinzeitdiät ist genetisch korrekt. Sie umfasst zwar nicht immer die große Bandbreite der menschlichen Ernährung, stützt sich aber daran, was für Menschen vor dem Ackerbau realistisch gewesen sein dürfte: Viel Eiweiß, mehr Fett als Kohlenhydrate, eine abwechslungsreiche Ernährung ohne Fertigprodukte und mit möglichst wenig Verarbeitungsschritten zwischendurch.
  • Die Steinzeitdiät ist gesund. Das muss sie sein. Denn wir orientieren uns an der Natur. Jeder Affe, jedes Reh weiß Bescheid. Kein Tier muss Bücher lesen. Wir folgen einfach unseren Instinkten und einem Hauch von Logik und gesundem Menschenverstand.
  • Die Steinzeiternährung ist leicht nachvollziehbar. Keine komplexen Regeln und kein unnötiges Kalorienzählen. Es reicht die Überlegung dahingehend, was unsere Vorfahren wohl getan hätten.



Nachteile und Schwächen




  • Es ist paradox, aber die Steinzeiternährung kann kompliziert sein. Und zwar dann, wenn man zum Puristen wird. Wenn alles zu 100 Prozent stimmen muss. Wenn die Einhaltung der Regeln über dem Zweck steht. Deshalb sollte jeder für sich entscheiden, wie viel Steinzeitdiät er sich zumuten will und ob er beispielsweise komplett auf Pfanne, Backofen und so weiter verzichten muss.
  • Die Steinzeitdiät kann dogmatisch sein. Wer sich im Internet mit anderen Paleo-Freunden austauscht, muss damit rechnen, als "nicht Paleo genug" bezeichnet zu werden. Eine Steinzeiternährung kann für manche zur Ersatz-Religion werden.
  • Die Steinzeitdiät wird belächelt und hat nicht immer den besten Ruf. Man sollte vorsichtig damit sein, ob man sich öffentlich dazu bekennen will. Es gibt immer wieder Menschen, die dann ihren Senf zu dem Thema geben wollen und sich mit Kritik äußern. Man darf zwar diese Kritik zu widerlegen versuchen, wird sich aber oft anhören müssen, das sei doch alles Quatsch und Unsinn.
  • Die Steinzeitdiät kann einen austricksen. Jeden Tag ohne körperliche Bewegung industriell hochgezüchtete Früchte essen, sein Fleisch nie selber jagen müssen? Klingt verlockend, stellt aber die Lebensrealität der Steinzeit nicht so dar, wie sie gewesen sein muss. Logisch, dass man sich über fehlenden Gewichtsverlust wundert, wenn man Kohlenhydrate ohne Sport zu sich nimmt. Entweder Kohlenhydrate in der Ernährung einschränken oder Süßes mit Bewegung verbinden!
  • Die Paleo-Diät kann einseitig sein, wenn man sich nicht abwechslungsreich ernährt. Zur Erinnerung: Steinzeitmenschen haben viele Vitamine, Mineralien, Omega-3-Fettsäuren und Eiweiß aus ihrer Nahrung gewonnen. Man muss dann auch die Vielfalt der Natur sinnvoll ausnutzen!


Wer sich die Mühe macht, seinen Kopf einzuschalten, der kann mit der Steinzeitdiät Erfolge feiern, gesünder leben, und natürlich abnehmen.

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