Der Mythos Vom Treppensteigen

Kalorien verbrennen mit Treppensteigen - oft wird darüber geredet. Auch neulich wieder geschehen bei diesem Artikel von T-online.de, dem fröhlichen Magazin für Halbwahrheiten und Unsinn.


Der Anfang vom Unsinn: Kalorien zählen



Dass dort über Kalorienverbrauch und Kalorien geredet wird, eine Maßeinheit, die seit 1824 benutzt wird, um Wärme zu messen (calor ist lateinisch und heißt Wärme), damit muss man im deutschsprachigen Raum leider leben. Wir Starrköpfe tragen nunmal Lederhosen, schimpfen am Stammtisch über die Schuldenstaaten der EU (außer die glücklichen Schweizer) und zählen zum Abnehmen die Kalorien.

Es gibt aber, abgesehen vom unsinnigen Gerede über den Kalorienverbrauch, noch eine andere Sache, die traurig ist: Nämlich die Anmaßung, Treppen zu steigen würde beim Abnehmen in irgendeiner Weise helfen.

Ich lasse dabei mal außer Acht, dass Treppensteigen nicht gut für die Gelenke ist, besonders bei schwer Übergewichtigen.

Das Problem ist: Wer sich "normal" ernährt, das heißt, wer sich wie jemand ernährt, der schon unwissend genug ist, um Kalorien zu zählen, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit von allem ein bisschen essen. Ein bisschen Fett, ein bisschen Eiweiß, ein bisschen Kohlenhydrate.

Und durch ganz bewusstes Zählen von Kalorien wird diese Person versuchen, abzunehmen. Die Menge an Gegessenem wird sinken, hauptsächlich bei den Fetten, weil Fette viele Kalorien haben, aber auch in anderen Bereichen.

Leider wird das wenig Unterschied machen. Denn wenn man die Wahl hat zwischen einem knackigen Salat (200 Kalorien) und ein paar Schokostücken (200 Kalorien), wird man die falsche Wahl treffen. Der Grund liegt wie immer darin, dass man beim Kalorienzählen blind wird für den Wert der Nahrung.

Auch wenn das ein extremes Beispiel sein mag, bei Reis, Nudeln und Kartoffeln ist das alles plötzlich wieder logisch und nachvollziehbar. Denn es denkt niemand daran, dass diese Lebensmittel schaden könnten.



Was aber ist nun falsch beim Treppen steigen?


Image courtesy of Sattva / freedigitalphotos.net


Ganz einfach: Das Zauberwort heißt "Glykogenspeicher".  Das ist ein Areal in unserem Körper, in dem Kohlenhydrate aufbewahrt werden. Maximale Auslastung: 500 Gramm. Alles darüber wird in Fett umgewandelt, welches sich ringförmig um den Körper ausbreitet.

500 Gramm ist eine Menge. Zum Vergleich: 100 Gramm Reis haben etwa 77 Gramm Kohlenhydrate. Also kann eine ganze Packung (500 Gramm Reis) noch nicht mal den Glykogenspeicher füllen, so viel passt da rein.

Wer nun Treppen steigt, der wird ganz sicher Energie verbrennen, und davon mehr, als wenn er in der Hängematte liegt. Aber: Die verbrannte Energie wird hauptsächlich vom Glykogenspeicher abgezogen. Wenn der Glykogenspeicher 500 Gramm Kohlenhydrate hatte, und man läuft die Treppe auf und ab, dann wird man danach vielleicht bei 490 Gramm sein (wenn man wirklich eine Weile unterwegs ist).

Trotzdem wird es nicht lange dauern, da wird in der Kantine (oder zu Hause) Mittagessen gereicht werden. Und dann gibt es wieder das gesunde Essen für Kalorienbewusste: Kartoffelbrei mit X, Reis mit Y oder Nudeln mit Z. Und weil man sich kalorienbewusst ernährt, isst man natürlich nur die Hälfte vom falschen Essen. Aber das ist schon zu viel.

Und der Glykogenspeicher wird wieder bei 500 Gramm sein. Das ist der Grund, warum Treppen steigen nichts bringt. Warum Sport allgemein nichts bringt, wenn die Diät nicht stimmt.

Nur einen Vorteil hat der Sport und das Treppensteigen: Man wird fitter, hat mehr Ausdauer, kann länger atmen. Genau wie die Dicken, die beim Marathon mitmachen. Aber das Gewicht bleibt leider.


Die Diät macht 90 Prozent des Erfolgs aus



Deshalb immer dran denken: Die Diät muss stimmen. Wenn man Fett verbrennt, weil sonst nichts da ist, dann ist jede Bewegung, auch wenn man sich nachts einmal umdreht, gut für den Fettabbau. Aber nicht, wenn es zu jeder Mahlzeit Kohlenhydrate im Überfluss gibt.

Statt Treppen zu steigen, sollten einige lieber mal den Computer einschalten und vorher nachlesen, wie man Fett verbrennen kann. Wenn man vor dem Einkaufen eine Liste macht, damit man beim kochen nicht plötzlich ohne Zutaten da steht, warum schaut dann keiner vorher im Internet nach, bevor er eine Diät startet?

Wahrscheinlich machen es die meisten Leute, landen dann aber auf der falschen Seite. Und dort wird dann wieder über Kalorien gesprochen. Ein Teufelskreis.

Kommentare:

  1. Danke für die Tipps! Das mit dem Treppensteigen hilft höchstens beim Muskelaufbau, daher kann man es meiner Meinung nach "schon mal machen". Aber nicht zum Abnehmen!

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  2. Das ist ein großartiger und sehr ermutigender Beitrag! Danke schön und weiter so.

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  3. Gruselig.
    Wer möglichst dauerhaft Fett abbauen möchte, der möge diesen Beitrag schnell wieder vergessen.
    Sportliche Betätigung erhöht nicht nur den Kalorienbedarf, sondern vermag noch so viel mehr:
    1. Beanspruchte Muskulatur verbraucht auch noch Stunden nach der Belastung Energie.
    2. Je höher der Muskelanteil unter der Fettschicht, desto höher ist der Grundumsatz - schon ohne auch nur eine zusätzliche Bewegung zu machen.
    3. Muskulatur formt und verleiht dem Körper ein straffes Aussehen. Ohne Muskulatur ist auch ein dünner Po ein schlaffer.

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    1. Hallo Simone,

      danke für die Kritik. Ich finde, dass du in deinen drei Kritikpunkten Recht hast. Gleichzeitig habe auch ich dauerhaft Fett abgebaut, was also zeigt, dass ich als Autor dieses Artikels nicht ganz Unrecht gehabt haben kann.

      Mein Artikel soll kein Plädoyer gegen Sport oder Bewegung sein. Mir ging es darum, zu sagen, dass manche "Abnehmtricks" aus Illustrierten oder aus dem Volksmund alleine nichts bewirken, solange man nicht grundlegende Veränderungen auch in der Ernährung einbaut.

      Eine grundlegende Veränderung kann natürlich auch im Bereich Bewegung erfolgen, sicher. Aber ich bezweifle, dass ein stark Übergewichtiger nur vom Treppensteigen abnehmen wird. Er wird vermutlich allein schon wegen der Anstrengung eine Tendenz entwickeln, diese paar Kalorien wieder durch Essen reinzuholen.

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  4. Ich gebe Simone absolut recht, also so einen Schwachsinn hab ich überhaupt noch nie gelesen.

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    1. Danke für den sehr konstruktiven Kommentar.

      Simone hatte ich bereits Recht gegeben. Ich sehe da keinen Widerspruch zu meinem Artikel. Es kann natürlich sein, dass sich manche Leute vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn ich provokativ schreibe.

      Dass du "so einen Schwachsinn" noch nie gelesen hast, zeigt dann vielleicht, dass du noch einiges entdecken könntest, denn das Kalorien nicht das Maß aller Dinge sind, setzt sich als Erkenntnis allmählich durch und ist einer der Gründe dafür, warum immer mehr Menschen nicht einfach nur Kalorien zählen, sondern auch auf die Zusammensetzung der Nährstoffe (Kohlenhydrate, Fett, Eiweiß) achten.

      Aber wenn das nur Schwachsinn ist, dann halte ich und die anderen Leser dieses Blogs, die dutzende Kilo verloren haben, lieber die Klappe.

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    2. Oh je, es stimmt zwar natürlich, dass eine ausgewogene und gesunde Ernährung, mithin Voraussetzung für ein langfristig stabiles und glückliches Gewicht, eine große Rolle spielen. Und sicher auch, dass ein Treppensteiger tendenziell vielleicht sogar am Ende überkompensiert, also mehr zusätzlich isst, als er verbrannt hat, und nebenbei als Übergewichtiger noch seine Gelenke belastet (guter Einwand!).

      Aber dass diese Punkte Grundlage für langfristigen Abnehmerfolg sind, weil sie insgesamt das Essverhalten stabilisieren, hat jedoch nichts mit der "nackten Realität" der Kalorien zu tun, diese bleibt davon unberührt.

      Deshalb finde ich auch nicht, man sollte so argumentieren (doch recht wissenschaftlich geschrieben wie hier), auch wenn Du zu absolut richtigen Schlussfolgerungen kommst.

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    3. Fortsetzung:
      In der Tat ist es am Ende die berechenbare Kalorienbilanz,die über die Gewichtsentwicklung entscheidet. Du hast Recht, bei der ursprünglichen Messung der Kalorien pro Gramm Nährstoff wurde die Methode verwendet, die bei der Verbrennung freiwerdende Wärme zu messen. Allerdings entspricht das ganz gut der Menge an enthaltener chemischer Energie, die auch dem Organismus beim Abbau, wenn auch auf anderem Wege, zur Verfügung steht. Die Angabe der Kalorien macht also durchaus Sinn. Auch die vom Körper verwendete Energie lässt sich ganz gut bestimmen, je nach Aktivität, Muskelmasse etc. Die Rechnung ist am Ende tatsächlich einfacher als gedacht: nehme ich mehr Energie zu mir als aufgewandt wird, nehme ich zu, nehme ich weniger auf, nehme ich ab. Das gilt immer und jeden Tag. So einfach, so gut. Punkt.
      So, nun gibt es natürlich Menschen, die nehmen schneller zu, andere, bei denen dauert es länger. Das hat natürlich noch mit anderen Faktoren zu tun, beispielsweise der Effektivität und Geschwindigkeit der Resorption der Nährstoffe im Darm, das ist sicher bei jedem anders. Aber dennoch: die verspeisten Kalorien sind quasi das Maximum das zur Verfügung stehen kann, und wenn ich damit rechne, fahre ich auf Nummer sicher. Wenn ich meinen Energiebedarf kenne und einen Taschenrechner habe und bedienen kann, ist es mir also ganz einfach möglich, auszurechnen, ob ich heute zu- oder abnehmen werde. Das mit dem Glycogenspeicher stimmt zwar, aber hat nichts mit meiner Kalorienbilanz zu tun. Richtig, der wird zuerst entleert, wenn ich zum Beispiel mich bewege oder einen Tag "zu wenig" esse. Aber bedenke: er wird auch immer als erstes wieder aufgefüllt auf die korrekt genannten 500 Gramm! Sagen wir also ich leere ihn an einem Tag mit sehr viel Sport und kaum Essen völlig aus: richtig, ich habe kein Fett abgenommen. Aber: da am nächsten Tag, an dem ich wie immer viel zu viel esse, zuerst die 500 Gramm wieder aufgefüllt werden, stehen diese Kalorien dann nicht mehr frei, um als Fett angesetzt zu werden! Dass der Glycogenspeicher zwischengeschaltet ist, interferiert also überhaupt nicht mit Sport und Kalorienbilanz.
      Zu guter Letzt möchte ich aber nochmal betonen, dass Du völlig Recht hast damit, dass es auch stark darauf ankommt, was genau ich esse, und nicht nur stur die Kalorien zu zählen. Ich könnte zwar durch alleiniges Zählen ebenso abnehmen (und habe dies schon einmal getan!), jedoch fällt das vielen Menschen schwer, denn am Ende kommt es zu Fressattacken und Unglücklichsein, die schlussendlich wieder zu einer erhöhten Kalorienaufnahme führen. Dass stures Zählen ohne Spaß an der Sache und ohne ganzheitliches Ernährungskonzept oft nicht funktioniert, hat also nichts damit zu tun, dass die physikalischen Grundlagen nicht stimmen, sondern vielmehr damit, dass dann am Ende mittelfristig doch wieder zu viele Kalorien aufgenommen werden.
      Eine ganzheitliche Ernährungsumstellung würde ich also ebenso empfehlen, das ist besser als jeder sture Verzicht. Die Hälfte vom Richtigen zu essen ist auch besser als die Hälfte vom Falschen zu essen - und dem Rest der Gesundheit wird es auch nicht schaden. Auch ist, wie eine Kommentatorin über mit erwähnte, sportliche Aktivität, in vielerlei Hinsicht gut (!), wirklich, wörtlich gut (!)... Jedoch sollte man als übergewichtiger Mensch tatsächlich zugleich auf seine Gelenke achten und den Rest des Systems, sprich Sport und Bewegung in sinnvollem Maße, am besten in Absprache und unter Aufsicht des Arztes - aber richtig gemacht auf keinen Fall schlecht.
      Also in diesem Sinne, richtige Schlussfolgerungen, aber mit ner nicht ganz korrekten Argumentation, aber ich hoffe ich konnte aufklären.

      Oskar

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  5. Toller Artikel :).Die Kalorienanzahl ist nicht so wichtig wie die Verteilung der Makronährstoffe damit geben ich Ihnen recht :).

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  6. Toller Artikel :). Das die Makronöhrstoffe wichtiger sind als die Kalorienanzahl stimmt . Habe damals den Fehler gemacht immer nur auf die Kalorien zu achten, aber aus Fehlern lernt man ja :).

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  7. Ich glaube da hat der ein oder andere etwas falsch verstanden.
    Michael Kohl hat absolut recht. Durch Sport hat noch keiner abgenommen. Zum Abnehmen ist es zwingend erforderlich etwas an der Ernährung zu ändern. Sport wirkt hierbei unterstützend. Bewegung ist für einen gesunden Körper unausweichlich nötig und hat hierbei noch die Vorteile, welche Simone bereits beschrieben hat. Je nach Gewichtslage sollte, bevor man mit Sport anfängt, erst ein Arzt konsultiert werden um mögliche Schäden zu vermeiden.

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  8. Das im Artikel Geschriebene ist vollkommen unrealistisch: Selbst erwähnst du, dass zur Füllung der Glykogenspeicher zunächst massenhaft Kohlenhydrate aufgenommen werden müssen.

    Macht in Normalfall aber keiner. Auch keiner, der morgens Brötchen isst oder Müsli frühstückt. Und in der Regel leeren sich die Speicher zwischen den Mahlzeiten, siehe Treppensteigen.

    Und über Nacht komplett.

    Nur wer die tägliche Menge so massiv überschreitet, bei DEM komt es zur Umwandlung der KH in Fett.

    Einem moderaten Kohlenhydratkonsum spricht Nullkommanull entgegen, und wer bei seriösen Ernährungswissenschaftlern Beratung in Anspruch nimmt, hört genau das.

    Ganz so doof können diejenigen, die durch eine solche Ernährungsweise abgenommen haben (Makronährstoffzusammensetzung neu ordnen OHNE gänzliches Ausklammern von Nährstoffgruppen), dann also auch nicht sein, oder?

    Und "wer im Internet schaut", wird lesen: Enrährung 70, Sport 30%. Nicht 90% Ernährung.

    Ich glaube auch, dass du von dir auf andere schließt (deine Antwort auf Simone). Nur weil DU dir nach dem Sport Bananen und Traubensaft einverleibt hast, tut dies ein andrer Übergewichtiger nach einem Treppenmarsch noch lange nicht.

    Und weil bei dir Dr Strunz supergut funktioniert, ist dennoch nicht alles an Ernährung, was Kohlenhydrate vorweist, wirkungslos!

    EIn persönlicher Tipp:

    Übertreibs nicht. Du schreibst, eigentlich isst du nur einmal pro Tag, low carb. (Immerhin aber mal AUCH mal mit was Süßem, siehe KSafe, das macht dich sympathisch.)

    Doch mit deinen nun unter 70 Kilo bei 1.77 brauchst du keine Panik schieben, dass dich Essen nach X Uhr dick macht bzw. du den Fettverbrennungseffekt über NAcht nicht voll ausnutzt. Die Frage ist: Wie dünn willst du denn noch werden? Vom Übergewichtigen in die Essstörung?

    Pass auf dich auf, junger Mann!

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